Überraschung in Rabat: Warum Marokko zwei Monate später doch den Afrika-Cup gewinnt
Die absurde Geschichte des Finales zwischen Marokko und Senegal. Es geht um mehr als Fußball, sondern um Prestige, internationale Beziehungen und darum, wie ein Land gesehen werden will.
Es ist zehn Uhr abends, in den Cafés und Moscheen der Stadt ist an diesem Ramadanabend noch einiges los. Doch plötzlich unterbricht Hupen, Jubeln und wieder Hupen den lauen Abend. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, die erfolgsverwöhnten Marokkaner gewannen in den letzten Monaten die U-21-WM, den arabischen Cup, jeder einzelne Sieg beim Afrika-Cup wurde frenetisch gefeiert. Aber gestern? Die Antwort kommt völlig überraschend: Der Afrikanische Fußballverband (CAF) verkündete, dass Senegal der Sieg des Finales aberkannt wird und Marokko nun als Gewinner feststeht. Zwei Monate nach dem Spiel. Was ist da los?
Ich bin Clara Peterlik, Journalistin aus Wien, und lebe seit Oktober mit meiner Familie für einige Monate in Marokko. Seit unserer Ankunft begleitet uns dieser Fußballcup: die großen Baustellen der Stadien, die Gen Z, die gegen die hohen Ausgaben dafür protestierte, die euphorischen Straßenfeiern und das vieldiskutierte Finale. In Marokko wird über Fußball auch Außenpolitik gemacht. Selten lässt sich so gut erfassen, wie politisch Fußball ist. Hier auf Substack möchte ich künftig von solchen Momente erzählen – aus dem Alltag hier, Überraschendes und auch Politisches. Und ja, manchmal geht es auch um Fußball.
Was ist damals genau passiert?
Zeitsprung zum 18. Jänner 2026: Der diesjährige Afrikacup kommt an sein Ende, am Abend findet das Finale statt. Marokko hat bewiesen, dass es Großevents beeindruckend professionell über die Bühne bringen kann. Die Organisation des Cups wird international positiv besprochen. Bei manchem Europäer schwingt ein bisschen anerkennender Neid mit: „So schnell wie hier, schaffen wir es in Frankreich nicht, Stadien zu bauen.“ Bislang bestreitet die marokkanische Mannschaft ihre Spiele souverän.
Nun steht das große Finale an. Die Anspannung ist spürbar. Das ganze Land weiß: Heute muss Marokko gewinnen. Heute wird Marokko gewinnen. Marokko geht gegen Senegal als Favorit ins Rennen. Das Match ist schnell, schön anzusehen, es geizt nicht mit spektakulären Szenen. Nur Tor will keines fallen. In der zweiten Spielhälfte gibt es eine längere Unterbrechung, weil sich ein marokkanischer Spieler am Kopf verletzt hat und stark blutet. Er wird lange auf dem Platz behandelt und spielt schließlich weiter. Dann, in der 6. Minute der Nachspielzeit, schießt Senegal ein Tor – das aber wegen eines umstrittenen Fouls aberkannt wird. Kurz darauf reklamiert der marokkanische Starspieler mit Bubi-Charme, Brahim Díaz, einen Elfmeter, nachdem ihn ein senegalesischer Verteidiger im Strafraum zu Fall gebracht hat. Der Schiedsrichter sieht sich die Szene mit Hilfe des Video-Assistenten noch einmal an – und entscheidet auf Strafstoß. Es folgen tumultartige Szenen, die für ein Finale dieser Größe wohl einzigartig sind: Das senegalesische Team verlässt wutentbrannt den Platz. Hitzige Diskussionen, Pfiffe, hektische Telefonate – mittendrin mit Grabesmiene der Schiedsrichter. Schließlich – nach 20 Minuten – kehren die Senegalesen auf den Platz zurück. Der Elfmeter wird geschossen.
Der entscheidende Moment
Brahim Díaz hätte jetzt absichtlich verschießen können, um die Situation zu beruhigen oder klassisch in eine der beiden Ecken und ein marokanischer Natinalheld werden. Aber nein, er versucht einen Panenka – ein leicht-lässig gelupfter Schuss, zur Demütigung des Torwarts. Das Manöver missglückt, der Tormann hält. Selten war es in einem bis zum Bersten gefüllten Café so leise. Dann aber öffnen sich die Schleusen des Himmels und ein gewaltiger Wolkenbruch begleitet das restliche Finalspiel.
Getränke werden schon lange keine mehr serviert. Auch die Kellner starren wie gebannt auf den Bildschirm. König Fußball regiert. Draußen, während der Nachspielzeit, passieren mehrere Auffahrunfälle – kaum jemand bemerkt es wirklich, alle Augen sind auf das Match gerichtet. Dann fällt ein Tor. Pape Gueye trifft für den Senegal, Marokko schafft den Ausgleich nicht mehr und wenige Minuten später stemmen die senegalesischen Spieler die Cup-Trophäe in die Höhe. Nun, zwei Monate später, wurde ihnen nachträglich der Titel aberkannt, weil sie damals das Spielfeld verließen.
“Hchouma” und die Verschwörungstheorien
Auf dem Heimweg begegnete mir damals ein Nachbar, der nur leise „Hchouma“ murmelte – „Schande“. Kurz darauf verbreiteten sich die krudesten Gerüchte darüber, warum Brahim Díaz verschossen hatte. Dem wildesten zufolge wurden marokkanische Studenten in Senegal mit dem Tod bedroht, falls Brahim trifft. Dazu kamen viele rassistische Aussagen und Kommentare „über die Afrikaner“. Die diplomatischen Beziehungen zwischen Marokko und Senegal waren jedenfalls spürbar belastet. Es gab danach auch offizielle Treffen zwischen den beiden Ländern, um die Beziehung zu kitten.
Mittlerweile ist etwas Gras über die Sache gewachsen, doch für viele Marokkanerinnen und Marokkaner bleibt das Finale ein sensibles Thema. Erst vor wenigen Tagen sprach ich mit einer Freundin darüber: Für sie war das Match unfair und bleibt noch immer eine offene Wunde. „Die Trophäe kommt an ihren rechtmäßigen Platz“, meinte sie jetzt. Viele Kommentare auf Social Media gehen in eine ähnliche Richtung, jetzt sei der Gerechtigkeit genüge getan.
Warum war dieses Spiel so bedeutsam?
Fußball ist oft emotional, ja, aber dieser Afrikacup war mehr als ein Turnier – er war ein Prestigeprojekt. Das Prestigeprojekt einer aufstrebenden Regionalmacht. Marokko wird 2030 gemeinsam mit Spanien und Portugal die Weltmeisterschaft ausrichten und wollte demonstrieren, wie professionell das Land auftritt und wie modern es ist. Gleichzeitig wollte Marokko seine Vorreiterrolle in Afrika unterstreichen. Tragischerweise blieb in Europa vor allem das chaotische Finale hängen – nicht die gute Organisation davor, die euphorische Stimmung. Und auch innerhalb Afrikas kratzte das Finale am Bild Marokkos. Doch es ist noch nicht vorbei, Senegal kritisiert die Entscheidung und will den Fall vor den internationalen Sportsgerichtshof bringen. Fortsetzung folgt.
Ich werde in den kommenden Wochen immer wieder aus meinem Leben hier berichten und freue mich über euer Feedback.


